“Beethovens berühmte Akademie im Festsaal der alten Universität – ein WiederHören”

 

Eines der Konzertprogramme von RE-SOUND Beethoven I stellte eine Besonderheit dar, indem ein gesamtes historisches Programm am ursprünglichen Ort wieder zum Erklingen gebracht wurde. Dafür wurde in einer interuniversitären Zusammenarbeit ein automatischer Trompeter konstruiert.

Die Aufführungen fanden am 13., 14. und 15. März 2105 statt. Die erste dieser Aufführungen bildete ein Jubiläumskonzert zur 650-Jahr-Feier der Universität Wien.

Programmreihenfolge
(entsprechend dem Benefizkonzert vom 8. und 12. Dezember 1813, zum Wohle der „in der Schlacht bey Hanau invalid gewordenen kaiserlich-österreichischen und königlich-bayerschen Krieger“):

Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 7 (A-Dur) op. 92

Zwei Märsche von Pleyel und Dussek, gespielt von Johann Nepomuk Mälzels mechanischem Feldtrompeter mit Orchesterbegleitung
Da die genauen Stücke nicht mehr nachweisbar sind, wurden zwei Märsche gespielt,
die damals erklungen sein könnten:
Ignaz Pleyel: Jubel-Marsch (Majestoso, orig. für Harmoniemusik, Arr. Thomas Trsek)
Johann Ladislaus Dussek: The Brunswick March (orig. für Klavier, Arr. Thomas Trsek)

Ludwig van Beethoven: „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“ op. 91
Erste Abteilung: Schlacht
Zweite Abteilung: Siegessymphonie

(Dirigent der „Kriegsinstrumente“: Peter Peinstingl)

Zur Einstimmung auf das WiederHören im Rahmen der Konzert-Termine wurde von Birgit Lodes, der Initiatorin des Projekts, und Jakob Scheid, dem Konstruktuer des automatischen Trompeters, folgender Text verfasst:

WiederHören und Remake

Die Idee, Beethovens und Mälzels Akademie im Festsaal der alten Universität als Ganzes wieder aufzuführen, verdankt sich dem glücklichen Zusammenspiel zweier Ereignisse: Die Universität Wien feiert in diesem Jahr ihr 650-jähriges Bestehen und möchte auch musikalische Meilensteine in ihrer Geschichte erinnern. Das Orchester Wiener Akademie führt derzeit im Zuge seines RE-SOUND-Beethoven-Projekts alle Orchesterwerke Beethovens an noch erhaltenen originalen Spielplätzen aus der Beethovenzeit in Wien auf.

Zur Idee des WiederHörens

Das Konzert vom 8. Dezember 1813 gehört sicherlich zu den berühmtesten aus der Zeit um 1800: Die Aula der Universität Wien war restlos überfüllt – die meisten Zuhörer standen, im Saal, in den Gängen, auf den Treppen. Der zweite Satz von Beethovens 7. Symphonie, die überhaupt erstmals zu hören war, musste wiederholt werden, und das bejubelte Programm wurde vier Tage später erneut gegeben.

Als Höhepunkt des Abends aber galt keineswegs die Uraufführung von Beethovens neuer Symphonie, sondern die Uraufführung des gemeinsam mit dem Mechaniker Johann Nepomuk Mälzel konzipierten Orchesterwerks „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“. Der Gestus dieser groß besetzten Komposition traf sich kongenial mit den neu entfachten Siegesgefühlen der Österreicher und Alliierten, die so lange auf der Verliererseite gestanden hatten. Nicht von ungefähr wurde „Wellingtons Sieg“ zu Beethovens Lebzeiten eines seiner berühmtesten Werke: Allein im Frühjahr 1816 erschien es in mindestens sieben verschiedenen Bearbeitungen – insbesondere auch für den Hausgebrauch, also für Klavier zu zwei und vier Händen und für Kammermusik. Es war ein Referenzwerk des Wiener Kongresses, seit 1815 wurde es auch in England häufig gespielt – und Beethoven ärgerte sich sehr darüber, dass er von den dortigen Einnahmen nicht profitierte.
Bei der Uraufführung 1813 wurde das Spektakel noch erhöht durch den vorausgehenden Auftritt des mechanischen Feldtrompeters von Mälzel. Seit seiner Erfindung 1808 war er bereits in vielen europäischen Metropolen bewundert worden. In ihm bündelte sich offenbar die Faszination der Zeitgenossen vom mechanischen und technischen Fortschritt und von selbstgesteuerten musikalischen Wundermaschinen. Zudem gehörte auch der Trompeterautomat in die Welt des Militärs: Er trat in immer wieder ausgewechselten Uniformen auf und spielte die zur jeweiligen Adjustierung passenden militärischen Signale und Märsche.

Für den damaligen Hörer musste also das gesamte Programm dieser Akademie – mit der neuen Symphonie und ihrem ungemeinen rhythmischen Drive, den vom Automaten beeindruckend präzis gespielten und von Menschen begleiteten Märschen und schließlich der Kampf- und Siegessymphonie – als patriotische Selbstbestätigung wirken. Unsere Wahrnehmung heute ist freilich eine andere, sie kann nur eine andere sein. Sicherlich haben wir weit weniger Sinn für nationale Hochgestimmtheit, und das Vertrauen ins eigene Militär und seinen Glanz ist ebenso weitestgehend dahin. Genau so hat sich auch die Wahrnehmung der Musik verändert. Selbst wenn das Orchester die Kompositionen minutiös wie damals interpretieren könnte – nicht nur mit den gleichen Instrumenten, sondern auch mit den exakt gleichen Tempi, gleicher Dynamik, gleicher Agogik, gleichen Ungenauigkeiten: Die Lust am Spiel mit der Authentizität und „dem, wie es war“ bleibt zwangsläufig auf halbem Weg stehen, denn wir sind musikalisch anders sozialisiert als ein Mensch von 1813. Wir hören anders.
Das ist aber auch das Besondere an diesem RE-SOUND-Konzert: Bei den Aufführungen haben wir die nahezu einmalige Chance, am Ort und mit dem Instrumentarium der ersten Aufführungen ganz nahe am Klang der Uraufführung zu sein. Und das Alte, das „Originale“, ist für den heutigen Hörer, die heutige Hörerin schockierend neu. Den stärksten Höreindruck macht dabei wohl, wie laut die Musik für das stehende Publikum der Uraufführung geklungen hat. Kein gemütliches Im-Sessel-Sitzen bei behaglicher Musik, nein, eine Vereinnahmung durch den (oft schroffen und die harte Akustik des kleinen Raums verstärkten) Klang der historischen Instrumente, der man sich schlecht entziehen kann. Nichts daran ist museal, nichts bloße Nachstellung: Die Musik wirkt gegenwärtig im jeweiligen Menschen, in jedem einzelnen, ganz individuell, immer neu. Die Umgebung, die Instrumente, die originale Programmfolge schaffen nichts nach; sie inspirieren allenfalls, mit dem Gedanken zu spielen, wie es wohl tatsächlich gewesen sein könnte.

Das Remake des Trompeters – eine Koproduktion des Instituts für Musikwissenschaft der Universität Wien und der Universität für angewandte Kunst

Angesichts der Möglichkeit, das historische Programm am historischen Ort aufgeführt hören zu können, lockte natürlich die Herausforderung, auch den – nicht erhaltenen – Trompeterautomaten nachzubauen. Bei dem in der Folge von Jakob Scheid realisierten Mälzelschen Automaten handelt es sich nicht um eine exakte Rekonstruktion, sondern um ein „Remake“ – also um eine Annäherung an den historischen Trompeter, in eben diesem Wissen, dass die Vergangenheit unwiederholbar ist: Der Versuch, das Original durch eine Rekonstruktion in seiner Gesamtheit wieder aufleben zu lassen würde scheitern, denn eine lebensgroße, Trompete spielende Holzfigur in Militäruniform würde beim heutigen Publikum nicht mehr die Sensation eines quasi-lebendigen Automaten auslösen, sondern bloß ein nostalgisches Lächeln. Daher der Entschluss, die figürliche Hülle wegzulassen und das mechanische Innenleben des Trompeters offenzulegen. Und da tritt etwas zutage, das gerade heute, in einer Welt der Hightech-Geräte mit ihren undurchdringlichen Oberflächen, wieder faszinieren kann: die verblüffende Einfachheit der mechanischen Klangerzeugung und ihr ästhetisches Potenzial.

Ein Einblick in eine wunderschöne Erfindung des Johann Nepomuk Mälzel

Das Wunder liegt heute nicht mehr in der scheinbaren Lebendigkeit eines Automaten, sondern an der kleinen Stelle, wo sich simple, mechanische Bewegung in so etwas Ungreifbares wie Klang umwandelt. Gleichzeitig zeigt sich durch die Offenlegung der Mechanik der erfinderische Witz von Mälzel, denn das Spiel des Trompeterautomaten basiert auf einem raffinierten Trick: Der Ton entsteht nicht durch Lippenspannung wie beim menschlichen Trompeter, sondern durch eine vibrierende Zunge (ein Metallblättchen) im Kopfteil des Automaten. Von hier aus wird der bereits fertige Ton durch die Trompete geschickt, deren Funktion nur noch in der Modulation der Klangfarbe besteht. Der Trompeter kann also auch ohne Trompete spielen.
Im Brustbereich befindet sich ein Blasbalgsystem zur Erzeugung des erforderlichen Luftstroms, das im Wesentlichen dem Balgsystem im Orgelbau entspricht. Auch das Prinzip der vibrierenden Zunge übernimmt Mälzel aus dem Orgelbau, entwickelt es aber weiter. Es gelingt ihm, mit einer Zunge nicht nur einen, sondern gleich fünf Töne zu erzeugen (ein bisschen auf Kosten der Tonqualität). Ein System aus kleinen Hebeln bewirkt, dass der vibrierende Teil der Zunge einmal länger und einmal kürzer wird, wodurch die Tonhöhe variiert.
Zur Programmierung des Musikstücks setzt Mälzel eine federgetriebene Stiftwalze ein. Diese Technik könnte man als mechanische Vorläufertechnologie des Computers bezeichnen. Sie war zu Mälzels Zeit sehr ausgereift, ist aber heute in dieser Komplexität kaum noch reproduzierbar. Um die Schwierigkeiten der mechanischen Steuerung zu umgehen und die Flexibilität der Musikprogrammierung zu erhöhen, wurde die Stiftwalze im Remake durch eine elektronische Steuerung ersetzt, die sich glücklicherweise sehr harmonisch in den Gesamtaufbau des Trompeters einfügt.
Der Einblick, den unsere Herangehensweise an das Remake ermöglicht, macht nicht nur die Funktionsweise des Trompeters sichtbar, sondern bezeigt auch die skulpturale Qualität des Maschinenbaus im frühen 19. Jahrhundert, die an die Formensprache der frühen Moderne erinnert.

Der Trompeter wird mit Musik zum Leben erweckt

Eine zeitgenössische Konzertrezension (AmZ 1814) berichtet, dass der mechanische Trompeter in den Konzerten vom Dezember 1813 „Zwey Märsche für die Trompete von Dussek und Pleyel, mit Begleitung des ganzen Orchesters“ vortrug. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um bereits existierende, beliebte Märsche dieser beiden Komponisten, die für ein Spiel mit dem mechanischen Trompeter arrangiert worden waren. Dass Bearbeitungen für den mechanischen Trompeter oder umgekehrt auch von Stücken, die dieser vorgetragen hatte, entstanden, beweist etwa ein Druck mit dem Titel „Grand March composed for Maelzel’s Trumpeter, arranged for two performers on the Pianoforte and dedicated to Miss Tyrell by F. Kalkbrenner“, London: Chappell&Co. [1816].
Für das WiederHören 2015 fiel die Entscheidung konkret auf Johann Ladislaus Dusseks „The Brunswick March“ (Maestoso, 1805/06?), original für Klavier, sowie Ignaz Pleyels „Jubel Marsch“ (Majestoso, nach ÖNB, Mus.Hs. 622 Mus), original für Harmoniemusik. Sie wurden von Hermann Ebner spartiert und von Thomas Trsek für Orchester eingerichtet. Die Trompeterstimme entwarf Helmut Kowar (Direktor des Phonogrammarchivs der ÖAW) und berücksichtigte dabei die in den Rezensionen erwähnten klanglichen Besonderheiten des Mälzelschen Trompeters (einstimmiges Spiel auf fünf Naturtönen mit „Präcision“, dabei „immer nur kurze Noten“), den aus Kalkbrenners Bearbeitung ableitbaren Duktus der Trompetenstimme sowie die Klangeigenschaften der heute noch erhaltenen Trompeterautomaten. Dafür analysierte Kowar in situ sowohl den konkurrierenden Trompeterautomaten von Friedrich Kaufmann (Leipzig) aus den Jahren 1810–12 (heute im Deutschen Museum, München) und den Trompeterautomaten des mit Mälzel bekannten Christian Seyffert (Wien) und Peter Heinrich (Prag) aus den Jahren 1816/17 (heute in Schloss Schwarzenberg im Erzgebirge). Eine wichtige Basis für das gesamte Projekt bildeten die Forschungsarbeiten von Rebecca Wolf (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin), die 2008 mit einer Arbeit zu Trompeterautomaten von der Universität Wien promoviert wurde und seither zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema vorgelegt hat. Christoph Reuter (Univ.-Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Wien) begleitete das Projekt von Anbeginn mit großem Sachverstand in Fragen der Instrumentenakustik und technischer Umsetzbarkeit.

Ein solches Unternehmen wäre nicht möglich ohne die Unterstützung von vielen Seiten:

Wir danken besonders
einem anonymen Sponsor für seine großzügige Unterstützung des Jubiläumskonzerts der Universität Wien,
der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien (Herrn Dekan Univ.Prof. Dr. Matthias Meyer) für die finanzielle Unterstützung des Trompeter-Remakes im Rahmen des Jubiläumsjahres,
der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Präsident emer. o. Univ.Prof. Dr. phil. DDr. h. c. Anton Zeilinger) für das Interesse und die Kooperation,
dem Jubiläumsbüro der Universität Wien,
den Archiven und Bibliotheken, die bei der Suche nach originalem Trompeterrepertoire geholfen haben, allen voran die Internationale Ignaz Pleyel Gesellschaft Ruppersthal (Präsident Prof. Adolf Ehrentraud), die Musik- och teaterbiblioteket Stockholm (Marina Demina) und die British Library London,
den Freunden und Sponsoren des Orchesters Wiener Akademie für die Unterstützung der Reihe RE-SOUND Beethoven,
dem Institut für Aufführungspraxis an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Univ.Prof. Dr. Markus Grassl) und Vizerektorin Kleibel für die Kooperation im Projekt RE-SOUND,
allen WissenschaflterInnen und MusikerInnen, die an das Projekt geglaubt und es tatkräftig unterstützt haben.

Birgit Lodes und Jakob Scheid